Lahr/Rhein-Lignano: 2000sm Fahrt ins Winterlager

 

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Rechnung:

Man nehme eine Sunbeam29 Gitana, maß- und gewichtsbedingt gerade noch trailerbar,

buche einen günstigen Winterliegeplatz bei Lignano, Nordadria,

informiere sich über die Kosten der Durchfahrtsgenehmigungen der zu durchquerenden Länder

und fasse sich ans Hirn:

Während Deutschland und Österreich im zweistelligen Bereich zur Kasse bitten, hält Italien die Hand auf: Minimum 2500 € würde die Fahrerlaubnis aufgrund der Überbreite von 10 cm kosten, zuzüglich Autobahngebühren etc., etc..

 

Korrektur:

Man beziehe in die Gleichung noch mindestens eine Flasche trockenen Rotwein, endlose Telefonate mit Seglerfreunden,  unzählige Stunden Eigenrecherche, Studium von Karten, Fach- und Reiseliteratur, stoischen Geiz sowie brennende Reiselust ein, dann sieht das Ergebnis schon anders aus:

 

Ergebnis:

16 Tage Permit für eine Kanalfahrt durch Frankreich, gebührenfreie Fahrt via Cote d‘ Azur, Thyrennische See, Straße von Messina, Ionisches Meer, Golf von Otranto, italienische Adria von Süd nach Nord in 48 Tagen ergaben jede Menge Segelspaß, Sommer, Sonne, Meer, Urlaub mit anschließend problemlosem Einwintern in Lignano für zwei Erwachsene mit zwei Kindern.

 

Boot:

Hersteller: Sunbeam, Schöchl Werft,

Typ: Sunbeam Gitana 29HS(Hochsee)

 

 

 

Technische Daten:

Länge über alles 8,90m

Rumpflänge 8,50m                                                                                                            

Länge Wasserlinie 7,90m

Breite über alles 2,70m

Breite Wasserlinie 2,48m

Freibordhöhe 0,88m bis 1,21m

Tiefgang:

- Kielversion Tiefgang 1,38m

Wasser 150l

Verdrängung 3250kg

Ballast ca. 43%

13 PS Volvo Diesel mit Saildrive 90l Dieseltank

 

Segelflächen:

am Wind 44 m²

Großsegel 20,00m²

Selbstwendefock 25,00m²

Sturmfock 6,75m²

Rollreffgenua/Genua 2/ 32,50m²

Blister 65,00m²

 

Ausrüstung:

Harken Rollreff mit Genua

Lattengroß 3x Reff

Selbstwendefock,

Spi u. Blister,

Sturmfock,

div. Vorsegel,

Sonnensegel für Plicht,

Sprayhood

Kuchenbude

Rettungsinsel 4 Personen Offshore,

 

Radar Furuno 1623

GPS Furuno GP32

2x Magellan GPS

AIS Radar NASA

Interphase Probe vorausschauendes Sonar/Echolot,

Autopilot ST 1000 von Raymarine,                                                                            

alle Nav.Instr. untereinander und mit Notebook NMEA0183 vernetzt,

einfaches Echolot,

VDO Log,

Windmesser,

Videocam im Bugkorb,

Solar und Ruthland 913 Windgenerator mit Laderegler,

Batterien Bank 320Ah, +64Ah Starterb.

Netzgeräte/Batterieladung 1x 4A(220VFixeinbau), 1x 10A (90-220V Fixeinbau)

UKW Funk mit Funkantenne im Masttop, UKW Handfunkgerät Atlantik,

KW Yaesu Transceiver,

Achterstag KW-Antenne,

Erikson Satellitentelefon,

DHI BSH Beleuchtung,

CD/MP3/DVD- Player mit Monitor,

1x Handlenzpumpe Fixeinbau

1x Handlenzpumpe lose

El. Lenzpumpen mit Automatikschalter

1x 10A Elektrische Lenzpumpe

 

Eberspächer Dieselheizung

2x Automatik-Schwimmwesten mit Lifebelt

3x Kinderschwimmwesten

Rettungsleinen

Bootsmannsstuhl

2x Ersatzfallen

See-WC Jabsco,

2fl. Gasherd

Kompressor Kühl-Gefrierschrank

5 Kojen

 

 

 

Navigation:

Papierseekarten,

Vector-Karten,

Plotternavigation mit IBM Notebook,

Freiberger Yachtsextant,

Windfahnenselbststeueranlage Windpilot Atlantik

 

Crew:

Jürgen, 42 J., Skipper und Hobbysmut

Natalie, 31 J., Crew, Vorschoter, Smut

Lilli, 4 J. und Anja, 3 J.

 

 

Revierwechsel:

Unser hochseetüchtiger Danilo hatte die bisherige Zeit in unserem Besitz ausschließlich Süßwasser-Seeluft geschnuppert. Unser wunderschönes  Heimatrevier, Lake Lipno, die aufgestaute Moldau im Dreiländereck Deutschland, Österreich und Tschechien, war uns zu klein geworden. Neue, vorerst adriatische Ufer wollen in den kommenden Segelsaisonen entdeckt und erobert werden. Folglich musste ein geeigneter Stütz- und Ausgangspunkt gefunden werden.

Die Nordadria, die Urlaubsorte um den Tagliamento und Venedig herum, waren uns nicht fremd, so stand schnell fest, hier soll unser Danilo eine „Box“ bekommen, auf Frau Wandas Marina in Aprilia Marittima fiel schließlich unsere Wahl.

Am Samstag, 04. August 2007, ging die Fahrt los.

 

Der Start:

Shuttleservice: Kurz nach 09:00 kommt Stephan, Natalies Vater. Sein VW-Bus fasst mit Leichtigkeit die 30 kg Kleidung, Kanister, Schachteln, Schuhe, Werkzeugkisten, Anker und weiteres.

Die Kinder hüpfen vor Freude im Takt der aufgeregten elterlichen Seglerherzen...

Mit knapp 5 Stunden ist die Fahrt zwar lang, aber mit Pausen doch gut zu meistern.

 

Yachthafen Schwanau, YC Lahr, Rhein- Kanal:

 

Angekommen – in der heißen Nachmittagssonne werden die Kisten und Kästen an nahezu regungslosen Schwänen vorbei an Bord gebracht. Kann Stauen auch Spaß machen? Das ist noch herauszufinden. Patrick, ein freundlicher ortsansässiger einhandsegelnder Kanadier, begrüßt uns herzlich. Er hat die letzten Wochen Danilo bestens im Auge behalten. Stephan und Jürgen holen „bei Aldi“ noch Diesel und Lebensmittel.

 

 

In der Zwischenzeit kommen unsere Freunde Udo und Sofia an, bringen uns Geschenke, Leihgaben und Ausrüstung, die wir noch im letzten Moment bestellt und an sie liefern lassen hatten: Der passende Rettungsring fürs Heck, um unbehelligt frz. und ital. Gewässer zu passieren.

Der Abend klingt gemütlich an Bord der SY VIVE LA VIE, zu Gast bei Udo und Sofia aus. Sofia spielt mit Lilli Karten, Udo und Jürgen genießen einen Weizen-Sundowner, Natalie bringt die müde Anja ins Bett.

Anmerkung zum YC Lahr: Die Leute hier sind sehr freundlich, die san. Anlagen sehr sauber und „urig“ untergebracht auf einer Peniche, einem kleinen, ausrangierten, Flussfrachtschiff. Die erste Nacht ist relativ ruhig, im Uferbereich scheint eine Technoparty stattzufinden, aus der Ferne hört man gedämpfte, regelmäßige Beats. Der Mond steht hell und friedlich über dem Rheinkanal, die Kinder schlafen tief und fest im Vorschiff bis zum nächsten Morgen.

 

 

Sonntag: Die Sonne scheint, das Wasser ist ruhig. Kaffee, Kuchen, Banane, Salami, Käse, ein perfektes Frühstück. Die Mädchen spielen im Vorschiff, die Eltern spielen, äh, nein, stauen im restlichen Schiff Vorräte, Werkzeuge, Ausrüstung.

Mittags grillen wir mit Udo und Sofia argentinisches Rind, planschen im Rheinwasser und brutzeln in 35°C sommerlicher Hitze vor uns hin. Jürgen erweist Yachtclubchef Attila und dem Kassenwart die Ehre.

Etwas Herzmedizin (edles Hochprozentiges) muss sein, von den 100€ Kaution bekommen wir dann noch 50€ raus, für die lange Gastliegezeit, seit 08.07. lag Danilo schon hier, hatten wir mit erheblich mehr Kosten für uns gerechnet, vielen Dank! Ein nettes „Stamperl“ mit YC-Lahr Aufdruck wird uns nun auch begleiten, ebenso die guten Ratschläge und Wünsche von Patrick, der die See zwischen Spanien, Afrika, Frankreich und Italien wie seine Westentasche kennt und uns noch nette Anekdoten zu Aga Khans weiblicher, knapp bekleideter Segelcrew zum besten gibt.

 

Der letzte Abend ist und bleibt mit über 30°C so brüllend heiß, dass Natalie gegen 20:30 mit den Kindern zum Eisessen im Restaurant im Bauch der Peniche geht, da noch nicht ans Schlafen zu denken ist. Nach Eis und Gratisgummibärchen veranstalten die Kinder einen Freudentanz unterm Ventilator des Clubrestaurants. An einem Nachbartisch regt sich Interesse für uns, die Seglerfamilie. Ob wir denn auch Fahrräder dabei hätten- aber ja doch, für jeden ein Mountainbike- ein aufblasbares!

 

Lahr, Rhein – Souffleweiersheim

Die Abfahrt verzögert sich aufgrund der neuen, unaufblasbaren Fender. Hilfe findet sich im Club, gegen 13:00 heißt es schließlich: Leinen los. Die erste Schleuse in Gerstheim ist für uns Premiere. Mit angespannten Nerven und „Extremnörgling“ Anjas unter Deck verläuft die Prozedur problemlos. Ab sofort wird vor den Schleusen eine DVD, wahlweise Märchen oder Barbapapa, eingelegt, so lässt sich zumindest ein drohender Trotzanfall abschwächen bis verhindern.

In der zweiten großen Schleuse unterschätzen wir den durch das Startmanöver ausgelösten Schwell eines belgischen Frachters und werden unsanft gegen die Schleusenwand gedrückt. Es bleibt beim Schreck, kein Schaden ist entstanden.

 

 

Bald ist Straßburg erreicht. Industrieviertel ziehen kulissenhaft an uns vorbei- interessante Kontraste, an backbord schneeweiße Flußkreuzfahrtdampfer mit Prinzessinnennamen, umschwärmt von unzähligen Schwänen auf Futtersuche, an steuerbord dunkelbraune Güterzugwagen auf Abstellgleisen, in der Luft lauthals um tote Ratten streitende Raben, die sich in waghalsigen Flugmanövern gegenseitig die Beute abjagen. Große rastende, ankommende und abfliegende Taubenschwärme auf den Dächern der Lagerhallen.

Hier, in Straßburg, beginnt der Rhein-Marne-Kanal, mit „gemütlicher“, geringer Breite von wenigen Metern.

Das Europaparlament mit seinen riesigen Glasbauten läßt uns staunen, ein toter Aal, eine tote Brachse, viele muntere Blesshühner, ein echter Biber vor Schleuse 51: für die Kinder und uns gibt es viel zu sehen. Lilli leidet ein wenig unter der stark trotzenden Anja, weiß sich aber zu wehren.

Heftige Streitereien der Kinder sind unter Deck zu schlichten, während es nach Ecluse (Schleuse) 51 auch draußen sehr stark zu stürmen beginnt. Böen drücken uns auf dem schmalen Kanal hin und her, der Himmel zieht sich ringsum mit düsteren, blauschwarzgrauen, in Fetzen treibenden Wolken zu.

 

 

Nach Schleuse 50 werden wir gerade noch rechtzeitig, bevor das Gewitter losgeht, auf einen frei werdenden Liegeplatz aufmerksam gemacht und legen ruck-zuck an.

Später, als sich Gewitter wie unser Hunger nach den restlichen argentinischen Steaks verzogen hatten, ist ein kleiner Spaziergang angesagt. Die Kinder führen glücklich den Hund zweier netter Bootsbesitzer, die mit uns die Lage des Supermarkts auskundschaften.

„Abwasch- Gutenachtgeschichte- todmüde fallen wir ins Bett“- so schreibt es Jürgen zwar nicht ins Log- aber Natalie ins Tagebuch.

 

Rhein-Marne-Kanal

Der Rhein-Marne-Kanal bietet so viele Schleusen, dass nach häufigem Üben sich eine Art „Schleusenroutine“ einstellt. Die Kinder laufen dick eingepackt in Matschhosen, Regenjacken und Schwimmwesten an Deck herum, ihnen scheint der anhaltende Regen in Sprüh- Schnur- und Platzformat (bevorzugt vor und während der Schleusenvorgänge) wenig auszumachen, während die Eltern frieren und mit heißen Getränken den - zu den 35°C der vergangenen Tage- vergleichsweise niedrigen Temperaturen um die 18°C die nasskalte Stirn bieten.

 

Die Landschaft nach Souffleweiersheim ist ländlich, grün, bescheidene kleine Dörfer, Störche auf großen Strohballen, Fleckvieh im Windschatten zwischen Hainbuchen und Heckenrosen, Reiher zu Wasser, zu Lande und in der Luft begleiten unsere Fahrt.

 

Alle 2 Minuten ein joggender Franzose am Kanalufer, Respekt!

Gegen 19:00 verlassen wir Ecluse 34, um dann bei Ecluse 33 festzustellen, dass tatsächlich um 19:00 Feierabend war. Nun gut, festmachen, Pfanne raus, Bauch voll- gesättigt dämmern wir durch die zweite Nacht auf Frankreichs Kanälen. Wer hat denn da schon wieder das Seeventil nicht zugedreht? Das WC läuft ein zweites und letztes mal auf dieser Fahrt über, très bien.

 

Der nächste Morgen – um 07:00 zeigt die Schleuse grünes Licht- wir schleusen uns mal so durch!

20 Schleusen, 1 Schiffshebewerk, 2 Tunnel und über 40 km Dauerregen erwarten uns, bis wir im Nachtlager vor Schleuse 9 bei Bataville, dem berühmten Schuhdorf (nicht Kuhdorf) des Abends in lustloser, unkreativer Müdigkeit versumpfen.

Die Nässe, die Kälte, die vielen Schleusen zehren und zerren sehr an Nervenkostüm und Immunsystem.

Das Schiffshebewerk war ein Erlebnis, doch leider war es uns einfach zu kalt, um es zu besichtigen.

 

 

 

Vor  Nancy in den Vogesenkanal

Donnerstag, 09.08.2007

Regen: den ganzen Tag

Kälte: dito

Motivation: optimistische 95%

Müdigkeit: 200%

nasse Klamotten: 25%

Auch 2 Pullis + T-Shirt, 2 Hosen und Gummihose übereinander, regelmäßig Kniebeugen und heiße Getränke können unsere Zähne nicht davon abhalten, kontinuierlich zu klappern.

Hat hier irgend jemand die Spaßfrage gestellt? Das darf man doch nicht.

Highlight: Brombeerpflücken am Kanalufer vom Boot aus.

 

Feststellung: Bergab schleusen ist wesentlich leichter als bergauf.

Kinder: Laune bestens, spielen schön zusammen, turnen, singen...

Regen – Schleuse – Regen – Schleuse – Regen – Warten – Schleuse –  Ankern -  Einkaufen – Schlamm (ausgerutscht) Spaghetti – Schnipp-Schnapp-Spiel – Schlafen ...

So in etwa sieht die Schleusenroutine rund um Rovanville aus.

 

 

„Eine Flussfahrt, die ist lustig, eine Flussfahrt, die ist schön, denn da kann man uns hier früh bis spät im Regen schleusen sehn“, trällern wir halbfröhlich, bis uns die anhaltende regnerische Kälte in einen lethargischen Schleusenautomatismus verfallen lässt.

Bei Rovanville legen wir mit Hilfe eines Ankers im Wasser und eines Ankers an Land an. Sollte man das Schleppen von Wasservorräten  und nörgelnden Kinder durchs Dorf interessant finden, könnte man von einem ebensolchen Abend sprechen, dessen Glanzlicht Natalies Rückenlandung im Matsch bei der Rückkehr an Bord ist.

 

Der nächste Morgen ist unserem Motor gewidmet- Wasser in der Motorbilge lässt Jürgen bei seiner täglichen Kontrolle die Dichtungen überprüfen. Eine Welle und eine Dichtung sind  tatsächlich auszutauschen, Jürgen hängt kopfüber im „Volvo Penta“ und schickt einen herzlichen telepatischen Dank an den Vorbesitzer, der uns seinen reichhaltigen Ersatzteilvorrat überlassen hatte.

So können wir 2 Stunden später nach erfolgreicher Reparatur ablegen.

 

Ein trockener, bewölkter Schleusentag steht  uns bevor, die Schleusentore sind  seit 09:00 pünktlich offen,

Vorleine klar, Heckleine auch, Bootshaken bereit. Leinen zum Wärter hochgereicht, im hinteren Schleusenbereich festgemacht, die Schleusentore werden geschlossen.

 

Thaon de les Vosges

Hellbraunes, schäumendes Wasser strömt im vorderen Bereich des Schleusenbeckens ein, langsam aber gewaltig, rauschend, brodelnd.

Mit zwei Leinen befestigt, Bug und Heck, halten wir das Boot mit aller Kraft, mittlerweile mit Handschuhen, nachdem zig Schleusen ihre Spuren und Blasen auf den Handflächen hinterlassen haben.

 

Die alte, gemauerte Wand des Bassins ist im oberen Drittel von grellgrüner, unerschrockener, wilder Flora überwuchert: Sauerampfer, Gräser, Algen und Moosarten verankern hier gekonnt ihre Wurzeln, zwischendrin Schnecken im Wettrennen oder Wettessen, zwischenzeitlich überspült und unterbrochen von den Flutwellen der Schleusungen.

Die Gummifender schrappen an der Wand, rutschen den glitschigen Modder entlang- wir steigen rasch nach oben.

 

Die Sicht wird frei aufs Schleusen-häuschen, oft liebevoll arrangierte Blumenbeete bieten stets einen farbenfrohen Anblick.

Uns fällt im allgemeinen der reiche Blumenschmuck an Frankreichs Straßen, Kanälen, Laternen, Brücken, Häusern und sogar Booten auf, Geranien, Stiefmütterchen, Tagetes u.v.m. in vielfältigen Variationen.

 

 

 

 

Neben den Schleusenhäuschen uralte, knorrige Apfel- oder Walnussbäume, die Wolkendecke reißt auf und läßt uns wissen- der Himmel darüber ist noch blau, wie eh und je. Nur noch 10 cm, dann haben sich die Wasserspiegel der vor uns liegenden Strecke und des Beckens angeglichen.

Der junge Mann, der die Riegel und Kurbeln bedient, reicht uns eine Fernbedienung, mit der wir die nächsten automatischen Schleusen bedienen können.

Jürgen drückt Natalie die Heckleine in die Hand, springt an Land und hilft, einen Flügel des Schleusentores aufzukurbeln. Merci, au revoir, wir reichen dem „Torwärter“ ein kleines, französisches „Schleusenbier“ mit drehbarem Kronkorken aus dem Kühlfach, und weiter geht die Fahrt.

 

Die Kanallandschaft der Vogesen ist zauberhaft: ruhige, sattgrüne  Laubwälder, flache, weite Ebenen, friedliches Fleckvieh, cremefarbene Mont-Beliard Rinder, Ziegen, Schafe, Reiher, ein Ibis, verträumte, freundliche  Beschaulichkeit.

 

Jürgen hat das Sonar stets im Auge, die Wassertiefen sind in der Kanalmitte teilweise nur 1,80 m.

Für unseren Langkieler heißt es immer mal wieder Schlick-Schleifen, ein Sekundenbruchteil Grundberührung, eine Mikrosekunde Adrenalinausstoß.

 

Die Kinder spielen Prinzessin, Lego, Malen, turnen auf und unter Deck.  Abwischbaren Tischdecken, hellblau mit Delfindekor, haben sich als Tagesdecken auf den Sitzbänken bewährt. Verschüttete Getränke, klebrige Süßigkeiten, Kekskrümel-

die Sitzbezüge bleiben geschont, die Atmosphäre stressfrei, der Reinigungs-aufwand gering.

Nur noch 10 Schleusen, dann übernachten wir neben einem großen Spielplatz, was für eine gelungene  Überraschung für die Kinder!

Sie spielen 3 Stunden lang auf dem schönen Spielplatz von Thaon.

Lilli lernt Lisa, 6 J., kennen, ihre Eltern sind mit ihr nach Frankreich gezogen.

 

Mit Pizza und Gitarre klingt der Abend aus – hatten wir unser Bordinstrumentarium noch nicht erwähnt?

 

Uns begleiten Gitarre, Concertina, Blockflöten, Garkleinflöte und Maultrommeln!

 

 

 

Lisas Eltern  sind so nett und füllen uns 2 10-Liter Kanister mit Trinkwasser aus der Vittel-Quelle auf, die gleich ums Eck entspringt. Lilli und Lisa tauschen Adressen aus- wenn wir zu Hause sind, möchte Lilli Lisa einen Brief schreiben.

 

Nach Chamousy bergab- Bain le Bain

Sie laufen übers Wasser und versammeln sich im Schatten der sattgrünen Schilfgrasbüschel. Zahlreiche Großfamilien wuseliger Wasserläufer bevölkern die Ufer des Vogesenkanals. Die Luft über dem Wasser –  eine Tanzfläche fliegender Edelsteine: Libellen in Smaragdgrün, Türkis, Gold, Azurblau. Spielerisch umkreisen die lebhaften, neugierigen Kunstflieger unser Boot, setzen sich auf Schulter, Mast und Reling, fliegen die Schleusentore auf und ab. Kurz vor Epinal sitzt ein zausig-zotteliger, verwitterter Clochard mit langem Bart und wilder Mähne vor der Schleuse, mit starrem Blick sieht er wie in Trance durch uns hindurch.

 

Der Aufstieg nach der Abzweigung des Kanals nach Epinal gestaltet sich sehr sportlich und schweißtreibend: viele dicht aufeinander folgende Schleusen, die allerdings automatisch und problemlos funktionieren. Auf der kurzen Scheitelstrecke ist die kleine Anlegestelle bei Chamousy schon besetzt, ebenso die Anlegestelle nach Schleuse 1. Nach Schleuse 2 entdecken wir einen Supermarkt- rechts ran, Anker raus, hier werden wir am nächsten Morgen einkaufen.

 

Abends bekommen wir noch Besuch- die Eigner der TO-Yacht ARGOS auf ihrer letzten Fahrt nach 11 Jahren auf See. Bei einer Tasse Nescafé und französischen Cookies unterhalten wir uns angenehm, tauschen Erfahrungen, Pläne und Adressen aus.

 

Die Schleusen folgen tags darauf dicht hintereinander.

Als gerade alles so richtig schön „flutscht“, rührt sich bei Ecluse Nr. 11 gar nichts mehr, sie macht nicht auf, trotz Fernbedienung. Am Ufer ist es sehr seicht, also ist da nichts mit irgendwo längsseits gehen. Natalie balanciert und springt über den Bug an Land, klemmt sich am Törchen auf dem Weg übers Schleusentor gewaltig den Daumen und erreicht schließlich die Gegensprechanlage, um das technische Problem zu melden.

 

Nach dem Drücken des Alarmknopfes meldet sich der VNF (vojes navigables de france), Natalie erklärt auf deutsch und englisch das Problem. „Welche Schleusennummer“ fragt die (französische) Dame am anderen Ende auf Deutsch. „11, elf, eleven“. Mittlerweile bereut Natalie, in der Schule Altgriechisch statt Französisch gewählt zu haben. Die Dame versteht die Schleusennummer nicht. „Bitte auf französisch“, hakt sie nach. Natalie entschuldigt sich „I don’t speak French, sorry.“ „Versuchen Sie es“ muntert die Dame an der Gegensprechanlage auf. In welchen Film sind wir hier gelandet? „Une une, one one?!“ fällt Natalie hierzu ein, voila, nun weiß die Dame, was gemeint ist. In wenigen Minuten saust ein Wagen des Wartungsdienstes herbei und die Funktionsstörung wird erfolgreich behoben.

 

In Port Bain le Bain, einer kleinen, komfortablen Anlegestelle, machen wir vor Rutschbahn, Klettergerüst und Wasserhahn fest, besser geht’s nicht, oder? Gute Nacht, Guten Appetit- wir laden Rolf, einen schwedischen Einhandsegler, der uns den ganzen Tag schon begleitet hat, ein, mit uns Brotzeit zu machen. Er hat das gleiche Ziel wie wir, Port St. Louis, dann Italien, allerdings Rom, dort hat er einen günstigen Winterplatz gefunden. Fledermäuse schwirren im Mondlicht umher, wir laufen ein paar mal zwischen Wasserhahn, an dem kein Schlauch passt,  und Boot mit unseren Kanistern hin und her, wer weiß, wann die nächste Möglichkeit ist, Wasser zu bunkern.

 

Corre, dann Saone bis Charentenay

In Corre nehmen wir mit einem Abendessen im Garten eines sehr netten Restaurants von Rolf Abschied. Wir sitzen gemütlich unter Platanen,

 

zwischen prächtigen Blumenbeeten, essen und unterhalten uns vortrefflich. Rolf  bedankt sich in unserem Gästebuch für die „leiwante Brettl-jausn“ vom  Vorabend, wir bleiben die kommenden Wochen noch per sms in Kontakt.

Die Saone ist breit, breiter natürlich als die Kanäle, es ist sommerlich heiß, 13 Schleusen und 70 km werden wie im Flug passiert.

Port sur Saone, eine nette, alte französische Kleinstadt, menschen-überlaufener Flohmarkt am Kai, rauschende, riesige Rosskastanien, gelbbraune Blätter segeln langsam aufs Wasser im Wartebereich der Schleuse. Wohnmobil an Wohnmobil, die Camper stapeln sich dicht gedrängt am Ufer, Wahnsinn, kann das Spaß machen?

 

In Schleuse 9 folgt uns eine ganze, große Schwanfamilie, bis Tunnel St. Albin begleitet sie uns.

Abends finden wir keine geeignete Anlegestelle, die Wassertiefen sind sehr gering.

 

Schließlich machen wir nach Schleuse 11 am Anleger / Dalben fest, Jürgen vertäut mit leiser Vorahnung unseren Danilo gründlich und sicher, und bringt zusätzlich einen Anker aus.

 

 

Hinter hohen Pappeln geht die Sonne unter, Abendessen im Cockpit.

In der Nacht stürmt und gewittert es sehr heftig, wir liegen gut  und sicher, schlafen weiter.

 

Lamarche sur Saone, Verdun, Belleville, Port Cruas...Lyon.

Mit größeren Schleusenabständen wächst auch der Spaß. Es ist wieder Zeit, um gemeinsam zu spielen, zu lesen, zu relaxen. Urlaubsgefühl.

Wie auch der Rhein hat die Saone  Hochwasser, Häfen und Anlegestellen sind überflutet. Wir machen an einer zum Wohnschiff umgebauten Peniche aus GB, „MAGGY MAY“ in Verdun fest. Täglich schaffen wir immerhin um die 100 km.

 

Die Saone mündet in die Rhone, Lyon ist passiert. In Vienne machen wir nach einer großen Brücke an einem Schwimmsteg halt, ziehen aber unseren Beschluss zurück, dort zu übernachten, da wir gegen Abend vom Schwell der Flusskreuzfahrtdampfer so stark durchgeschüttelt werden, dass wir den Herd sogar an der kardanischen Aufhängung befestigen müssen. Also legen wir kurz vor Dämmerung noch ab und erreichen einen angenehmeren Hafen in Port des Roches de Condrieu .

Das Meer rückt näher, auf der Rhone rutschen wir Frankreichs Buckel unaufhaltbar herunter und ackern uns Richtung Salzwasser.

 

Port de Viviers

Vormittags laufen wir Viviers an: kaputte Motorhalterung.

Der Gummifuß ist bei der Ausfahrt aus der letzten Schleuse gerissen. Mit Leiter überm Luk und Großschot hievt Jürgen den Motor und baut aus diversen Einzelteilen einen Ersatz, der zunächst bis Port St. Louis halten soll (und dann bis Lignano hält!).

 

Eine US- Familien – Langzeitsegelyacht liegt im Hafen von Viviers neben uns. Hannah, 7J., spielt mit Lilli und Anja. Sprachbarrieren gibt es beim Fangen und Versteckenspielen nicht, es wird getobt und gejohlt.

Große Passagierschiffe, AROSA STELLA, SWISS PEARL liegen am Kai. In Viviers gibt es wirklich viel zu sehen, ein schönes mittelalterliches, verwinkeltes Städtchen am Fuß einer steil aufragenden Felsformation, schmale Gassen führen zu einer großen Kathedrale, überdimensionale Gobelins sind im Altarraum und im Kirchenschiff zu bestaunen.

 

 

Avignon, Arles

Langsam schwebt ein Löwenzahn- Samenkorn an seinem Fallschirmchen die Schleusenwand entlang, vorbei an grünem, schmierigem Beton in die Tiefe. Endstation Rhonewasser, inmitten von Großstadtabfällen, Spritzen, Lockenwicklern, Flaschendeckeln, Sandsieben,  die sich in den Wasserstrudeln gemeinsam mit großen Ästen im ablaufenden Wasser des Schleusenbeckens drehen. Ein Windstoß, der Fallschirm wirbelt wieder nach oben. Das Tor öffnet sich langsam, wir fahren hindurch: Wir haben die vorletzte Schleuse gemeistert, Arles, nach der Stadt des Papst - Exils Avignon.

 

Der Anlegeponton in Arles: knallvoll, alles liegt eh schon im Päckchen. Wir drehen bei, fahren gegen die starke Strömung zurück zum Anlegekai für die großen Flußkreuzer, und machen an einer Stahldschunke fest, deren Eigner, ein netter Franzose aus der Champagne, uns willkommen heißt und beim Anlegen mitanpackt.

 

Mediterranes Flair streift uns quasi im Vorübergehen, beim langen Marsch zur Tankstelle, wir haben zu wenig Diesel für die letzte Etappe.

Der Abend ist kurz, bevor wir müde ins Bett fallen, gibt es Nudeln, Bordkino mit Petterson und Findus und Motor-check: die Ersatz-Motorhalterung hält einwandfrei. Gut!

 

Port St. Louis

Aufbruch Arles in aller Frühe: die letzten Stunden auf der Rhone. Ein klarer, kühl-knackiger Morgen, liegt da schon Salz in der Luft?

Die Kinder schlafen noch, der Motor läuft, der Kaffee dampft. Rätselraten: Dalbenfarbe gegen die Sonne erkennen: rot oder grün?

An der großen Rhone vermissen wir die Stiere, Pferde und Flamingos, die sich nicht weit von hier an der kleinen Rhone tummeln sollen, man kann eben nicht alles haben.

Mittags erreichen wir die Seeschleuse. Kurz davor staut sich’s am Ufer, der ersten günstigen Anlegestelle und Maststellmöglichkeit. Wir finden keinen Platz und beschließen- endlich ab jetzt ins Salzwasser!

Wir fischen die in der Wand fixierten orange markierten Seilschlaufen, die die Poller und Festmacher ersetzen, ohne zu wissen, dass uns 0,0 m Hub erwarten, na egal.

Nach kurzer abschließender Befragung durch eine nette Schleusenwärterin ist es so weit: die Brücke hebt sich, das Tor öffnet sich.

Wir tuckern ins Salzwasser hinaus. Autofahrer hupen ungeduldig, hinter uns klappt für sie die Brücke wieder runter.

Vorbei am Anglerspalier, schlangen-weise Wohnmobilen, alten Fabrik-gebäuden im Dornröschenschlaf.

 

Da ist er, der Navy-Service, hunderte Landstellplätze, Liegeplatz am Kai.

80€ kostet das Maststellen, wir müssen 4 Tage warten, da der Kran ausge-bucht ist, kein Problem.

Es gibt genug vorzubereiten, einzu-kaufen, Wäsche zu waschen...

An unserem Boot geht eine HR längs-seits, die Crew, hatte, wie wir vor-haben, versucht, um Italien herum die Nordadria zu erreichen, hat aber dann vor hohen Seen und Stürmen bei Sardinien kapituliert.

 

 

 

Die Vorratsschränke füllen sich tagsüber, der Rotwein leert sich des nächtens, die Zeit am Kai ist sehr heiß, sehr schaukelig durch den Schwell der ein und auslaufenden Motorboote und scheint nicht vergehen zu wollen.

Das Bananaboot bietet ein wenig Abwechslung, wir machen kleine Ausflüge, motoren und  paddeln herum, die Kinder amüsieren sich, suchen Muscheln, inspizieren das Gelände, die vielen Boote, treffen andere Kinder, essen Eis und sind happy.

 

Maststellen – es ist soweit

Montag, 27.08.2007, 08:30 : der Mast wird 1,5 Stunden vor unserem Termin gestellt, so zeitig? Schnell sammelt Natalie die frisch gewaschene Wäsche ein, die an der Seereling im Wind flattert. Und schon steht der Mast, der teilzeitamputierte Danilo ist nun wieder ein stolzer Segler.

In Gedanken wird schon mal der Bootsmannsstuhl bereit gelegt, etwas vergisst man ja immer, und wenn’s nur die Salinge sind, die man, so von der südfranzösischen Überpünktlichkeit überrumpelt, nicht mehr durchgezogen hat.

Viel, sehr viel ist zu schrauben, anzupassen, so vergeht der ganze heiße Tag mit konzentrierter Vorbereitung des Riggs, der Takelage.

Mittags rücken die Kinder und Natalie Richtung Dusche und Mülltonne aus, quer über den heißen Bootsparkplatz, die Luft flirrt in der Hitze, durch die geparkten Seeschiffe hindurch, Holz, Stahl, GFK, gepflegt, schäbig, groß, klein, beschädigt, frisch gestrichen, gerade abgeschliffen, zu verkaufen... Dann Zwischenstopp an der kleinen Kiosk-Bude, wir kaufen Pommes und Eis beim Betreiber, einem spaßigen Fremdenlegionär im Ruhestand.

 

Wir stechen in See - Marseille

Wenn die Frau mal nervt- setze man sie in den Bootsmannsstuhl und ziehe sie rauf in den Mast, Salinge durchziehen!

Erst nachmittags kommen wir los, da wir die Nacht durchsegeln wollen, kein Problem. Es wird dunkel, plötzlich Sturmwarnung und tatsächlich- wenig später weht und „böt“ es unangenehm, aus Kurs Sardinien wird vorerst nichts, so liegt am nächsten Morgen Kurs Marseille an, vormittags erreichen wir müde den Stadthafen.

Wie die Schlafwandler gehen wir an Land, die Kinder brauchen Auslauf, und bei Pizza und Vin Rouge freunden wir uns mit der großen Hafenstadt ein wenig an. Wir spazieren durchs knallvolle, quirlende, wurlende Hafenviertel, hier Schicki- Mickis, dort Multis, da Möchtegerns, an Ecken Clochards, Touristen über Touristen, fotografierende Japaner, da ein fast ertrunkener Golden Retriever samt alarmiertem Tierarzt, wie aufregend!

Tausend Cafés und Restaurants, zig Apotheken, ein kleiner Lebensmittelladen, eine Bäckerei in Hafennähe. Immerhin.

 

Die Nacht neben dem Multimillionärs-dampfer namens „BAKHSHISH“ war ruhig, erholsam und amüsant- obwohl die Generatoren nicht zum Stillstand kamen, es musste ja ein riesen Schiff klimatisiert werden! Am Kai standen Sportwagen und schwere Limousinen geparkt. Wir lachten uns kringelig, als neben uns im hellerleuchteten An-kleideraum des Schiffes für alle gut sichtbar ein junger Mann, vermutlich von Beruf Sohn, stundenlang Anzüge ausprobierte, sein Haar frisierte und vor dem Spiegel Posen machte, bis er schließlich von Bord ging und im roten Ferrari in die Nacht brauste.

Der nächste Tag: wir wollen weiter. Eine aufgewühlte See mit Wellen bis zu 2,5 m und Böen bis 10 Windstärken lassen uns dann doch nach Cassis abbiegen.

Ein wundervoller Badestrand, Kinderkarussell, Eis, der Mistral zwingt uns zu einer schönen Urlaubspause.

 

 

 

Kurs Sardinien, Südspitze

31.08.2007 Wind und Wellen lassen uns los, Cap Canaille ist gerundet und es geht nachts direkt Richtung Sardinien, Südspitze. Nachts wechseln wir im 3-4 Stundenrhythmus, Danilo rollt gemächlich im Mondenschein über das nachtdunkle  Meer.

02.09.2007 Alles paletti! Wir sichten die erste Delfinschule. Aufregend!

03.09.2007 Kulinarischer Morgen auf hoher See: Pfannkuchen mit Zimt und Zucker bei mäßigem Seegang- wer will da noch jonglieren lernen, wenn man beim Segeln auch kochen kann? Leider ist so gut wie kein Wind. Wir motoren widerwillig weiter. Vorteil für die Kinder: sie dürfen im schattigen Bootsbauch DVDs schauen, Jim Knopf und Lukas, alle Folgen der Augsburger Puppenkiste dank Bordstrom im Überfluss!

04.09.2007 LAND IN SICHT!

Die See schaukelt und rüttelt uns durch, uns wird zwar nicht mehr übel, aber gerührt und geschüttelt berührt uns das nicht gerade im positiven Sinne.

Dafür sind Sardinien und die süd-westlich vorgelagerten Inseln schon in Sichtweite. Am frühen Nachmittag schlagen wir in Porta Ponte Romano auf.

Aus NW pustet derweil der Maestrale volles Rohr, wie ein seltsamer Traum liegt die Fahrt zum Hafen, bei Windstärke 9 gegenan, hinter uns.

Ein fliegender Fisch, der bei dieser Knüppelei auf unserem Deck das Zeitliche gesegnet hatte, wurde nach dem Anlegen seemännisch bestattet. Ein weiß uniformierter Carabinieri begrüßt uns freundlich. Nach Festmachen und dem Einklarieren, zu dem man uns aufgefordert hat, machen wir uns auf nach St. Antioco, eine Kleinstadt, ca. 20 Gehminuten entfernt. Wir pilgern halb verdurstet die Hauptstraße entlang, bis wir mit gelati und viel aqua minerale unseren Durst stillen.

Der Chef der Cafebar organisiert uns eine Mitfahrgelegenheit, ein netter, älterer Herr transportiert uns mitsamt unserem umfangreichen Einkauf in seinem neuen Fiat Panda zum Porta, hurra! Der Abend ist kurz und schmerzlos: Essen, Vorlesen, Kuscheln, Schlaf nachholen.

 

Porta Ponte Romano, Sardinien

Hafentag. Ein französisches und ein schottisches Segelboot liegen vor uns. Jürgen kommt mit beiden Skippern ins Gespräch und knüpft nette Bekanntschaften.

Mit Maggie und Patrick von der „OOR MAGGIE“, Yvan und Frau von der „OUR DREAM“ haben wir einen lustigen Sundowner in unserer Kuchenbude.

Unerwartete Gastgeschenke, guter Wein und Johnny Walker, finden an diesem Abend den Weg in unsere Vorräte. Wir entdecken italienisches Stangenbrot mit Oliven- lecker zu Rotwein!

Kurs Sizilien – Messina

06.09.2007 wir legen ab Richtung Sizilien. Das Meer ist relativ ruhig, wir schaukeln in thyrennischen Gewässern. Die Nacht ist klar und warm, Danilo zeichnet mit seinem schaukelnden, rollenden Mast unzählige unsichtbare Autogramme auf das über uns glitzernde Sternenzelt.

Delfine besuchen uns am nächsten Tag, vier der schnellen, schönen Schwimmer begleiten uns am späten Nachmittag. Sizilien reizt uns nicht, das heiße Palermo mit Kleinkindern im Schlepptau - für uns keine schöne Vorstellung. Wir peilen die Straße von Messina an.

Sonntag, 09.09.2007

Frühstück zwischen Stromboli und Ätna. Der ganze Tag ist wie das Warten auf Weihnachten, bereits an Ostern begonnen: das Ziel ist in Sichtweite, aber erst am Abend in Reichweite.

Tragflächenboote schießen an uns vorbei, fliegende Fische kreuzen unseren Kurs, Sommerhitze flirrt und macht den Aufenthalt im Cockpit unerträglich. So sitzen wir im Schatten des Großsegels auf dem meersalzüberzogenen Deck und erreichen am Abend Skylla, Charybdis und schließlich, ohne gefressen oder verschluckt worden zu sein, nach einem Riesenslalom zwischen Riesenfähren hindurch, Reggio di Calabria.

 

„Es stinkt! Stinkestadt!“ stellt Anja treffend fest, als wir im Dunkeln im teuren Hafen fest machen.

10.09.2007 Am Morgen hält uns nur noch ein kurzer Einkauf in Reggio, dann machen wir uns auch schon auf den Weg ins Ionische Meer. Ein Hubschrauber der Küstenwache kreist über uns und fotografiert uns, bitte lächeln!

 

 

 

 

 

 

 

Menu a la carte:

Breakfast: Italian white bread, butter, honey, cookies, sweet or salted, Coffee, Hot Chocolate.

Lunch: Curry-Rice „Roma“ with Pesto, Oregano, Cookies as above

Dinner: Rice as above, Italian white bread with strawberry-marmelade, Popcorn, Water, Beer, Lemonade

In between: Apples, whole or in slices

 

Nächtlicher Sturm im Golf von Squillace

Das glitzernde Lesezeichen, das wir auf Sardinien gekauft haben, ein Foto vom Meer, Abendstimmung, Glitter auf dem Wasser, entspricht den Tatsachen. Der Bug schiebt sich durch das samtschwarze Meer, die Bugwelle schäumt weiß auf. Neben den schäumenden Schlieren unseres Kielwassers fluoresziert das Plankton um die Wette mit dem Sternenhimmel über uns.

Der Himmel zieht sich langsam zu, die Sternbilder verschwinden hinter Wolken, Wind kommt auf, wird stärker, der Windgenerator brummt.

Kaffee gegen 00:30 tut gut. Positionslichter vorbeiziehender Frachter steuerbord, backbord, decken sich mit dem Radarbild, vereinzelt kommen uns Segelyachten entgegen. Jürgen legt sich wohlverdient nieder, es dauert nicht lange, und er schläft ein.

Was macht man mit soviel Zeit für sich (und das Boot und das Meer), mitten in der Nacht, so ganz allein im Dunkeln? Maultrommel raus, üben, sinnieren, singen, lesen mit Stirn-lampe...zwischen Kurs-, Radar- und Sicherheits-checks.

02:15 Starkwind pfeift mit bis zu 7 Bft. der Autopilot hält sich wacker.

Es fängt an zu regnen, Wetterleuchten trägt maßgeblich zur ungemütlichen Szenerie bei. Der Kaffee wirkt noch, die Frisur hält auch....

„Securite – Securite – Securite“ auf UKW Kanal 16 eine Warnruf an alle Schiffe, gale winds, Starkwinde in der Nacht, hab acht!

Bis Windstärke 8 weht es, als Natalie Jürgen hinzuholt, bis Windstärke 10 geht der Sturm bei Squillace.

Eine unheimliche Nacht, garniert von panischen Funksprüchen einer unbekannten Seglerin in gebrochenem Englisch auf Kanal 16:

„Captain, Captain, Captain- I need your attention. I am on the sailingship right in front of you. In your right. Over.“

Schweigen

„Captain, Captain, can you see me?(ca. 5 mal wiederholt, immer panischer klingend)over.“

„Here is freighter..., I only can see a sailboat 15 miles away, in position ....(Unsere Position, nebenbei bemerkt) Over.“

„Sailboat, Lady of the Sailboat calling, here is Cap Control, you need to name the position. Over.“

Die Seglerin benennt ihre Position.

„Sailboat for Cap Control, you need to name your position AND THE POSITION OF THE SHIP YOU ARE CALLING. Over.“

Schweigen

„Captain, can you see me now? I am the vessel behind you (Panisch, ohne weitere Positionsangaben.) I put light in my sail...“

Okay, here is motorvessel ..., I think I can see you now. Switch on channel number... to talk.“

Schweigen

Ab 04:30 beruhigt sich die Nacht und Securite - Warnsprüche sind auch nicht mehr zu hören. Sternklar als wäre nichts gewesen, weit im Südwesten und im Norden, überm Festland blitzt es noch gelegentlich bis Sonnenaufgang. Der Morgenhimmel: es dämmert im Scheinwerferlicht des Morgensterns, die Sonne kündigt sich an mit blutorangem Wolkenband hinter nass verlaufenden graublauen Wolkenfetzen. Aus dem Meer steigen dunkelblaue Wolkensilhouetten wie Comicfiguren, eindeutig, da erscheinen die Umrisse von Goofy, Werner, einem Ottifant und Pluto als Boygroup im Morgengrauen. Die Anspannung fällt ab, die komischen Silhouetten verschwinden, das Schiff rollt in der Dünung.

Leuchtend orange rosa seidige Wolkenbänder bauschen sich zu knäuelartigen Formationen, werden von der steigenden Sonne feuerfarben angeglüht, die Sonne schlüpft langsam hinter ihrem zarten Paravan hervor. Eine beige-caramelfarbene,  kamel-förmige Wolke zieht vor den hell strahlenden Morgenstern, wie im Kino!

Die hinterrücks entschwindende, grauschwarze Wolkenwand im Westen wird in zartes Mauve-magenta getaucht und löst sich langsam auf- Guten Morgen! War da irgendwas letzte Nacht?

 

Golfo di Taranto

11.09.2007, Crotone liegt querab. Steuerbord blendet gleissend silbrig das bewegte Meer, backbord blau weiß schäumende Wellenparade, unter uns hindurchtauchende, große Wellen, mit Gischt bemützt. Danilo surft gemächlich, kein Vergleich zum westlichen Mittelmeer, Cote d‘ Azur, aber auch nicht ohne.

Also was tun gegen den leeren Magen?- um 10:00 gibt es schon Mittagessen, Nudelauflauf aus dem Schnellkochtopf. Das Wetter soll am nächsten Tag auf heftigen N-Wind umschlagen, vorher wollen wir Otranto erreichen und ein wenig pausieren. Nach Sonnenuntergang, im letzten Dämmerlicht, nähern wir uns Cap Santa Maria di Leuca und drehen bei. Am Nordhimmel zucken Blitz, nicht noch mal so eine Nacht! Da ist die Marina, gut befeuert, spärlich beleuchtet. Die Einfahrt: einfach auf dem Plan, jedoch gegen die stark beleuchtete Uferpromenade im Dunkeln nur schwer auszumachen.

Geschafft! Ein netter Nachtwächter weist uns ein. Ein klasse Platz, kein „hässlicher Schwell“, wie im Hafenhandbuch behauptet.

Sehr saubere, angenehme sanitäre Anlagen, sehr nettes Personal, Wasser und Strom, perfetto für 20,-€, das lässt man sich eher eingehen als die unverschämten 35€ in Reggio ohne irgendwelche Leistungen.

 

Pause in Santa Maria di Leuca

Heftiger Nordwind beschert uns eine mehrtägige Pause in diesem wunderschönen Ferienort.

Begeistert buddeln und baden die Kinder am Strand, die Wäsche trocknet gut bei 6 Bft. im Hafen, Großputz, Spaziergang durch den malerischen Ort.

Griechischer Einfluss macht sich bemerkbar: fast alle Häuser, bis auf die alten herrschaftlichen Villen, sind weiß gestrichen. Modeste Preise, leckere Meeresfrüchte, hier läßt es sich aushalten.

 

Otranto, Brindisi

Schüttelfahrt: Wind moderat aus westlichen Richtungen, allerdings unangenehme Dünung. Wir laufen in der Dämmerung in Otranto ein. Hafen ist voll belegt, wir machen an einem Päckchen von 4 verwaisten Fischtrawlern fest.

 

Durch die alte Festungsstadt laufen wir meilenweit, nach Fanta, Eis und Spielplatz krabbeln wir über die Trawler zurück auf Danilo und beobachten noch die große, hell erleuchtete Fähre nach Albanien, die im Dunkeln ablegt.

Am nächsten Morgen verlassen wir Otranto sehr früh, es ist ruhig, kühl, klar. Gegen Mittag erreichen wir Brindisi mit den weit vorgelagerten Industrieanlagen und Verladestationen. Der anhaltende N-Wind nervt. Wir fahren in den Stadthafen von Brindisi, vorbei an dem rostenden Trawlerwrack, ankernden Yachten (trotz absolutem Ankerverbot), riesigen Fähren und Frachtschiffen, kleinen Inselchen aus blankem Fels, mit und ohne Leuchtturm, vorbei an antiken Ruinen und neuen Raffinerien. Kurzer Tankstop- und dann Anlegen am Stadtkai unter Palmen, in Sichtweite des großen Denkmals und Wahrzeichen Brindisis, „dem italienischen Seemann gewidmet“.

 

Neben uns SY LIZ mit Österreichischer Flagge, Baldi und Manuela, ein Österreicher und eine Deutsche, ein  nettes Paar. Wir verstehen uns auf Anhieb gut, gehen abends gemeinsam Pizzaessen.

Bei griechischem Wein sitzen wir in unserem Cockpit und genießen es, an Brindisis Flaniermeile zu liegen, spannender als jedes TV-Programm.

 

Ganz Brindisi ist auf den Beinen, im edelsten Zwirn, auf den höchsten Plateauschuhen und schicksten Stilettos. Wir stoßen an und legen die Füße hoch. Ums Eck ein Weinfest, Manuela und Natalie werfen einen kurzen Blick darauf, hören ein wenig der Band und ihrem Ethno-Pop-Rock-Medley zu. Dann wieder ab zu den fachsimpelnden Herren Baldi und Jürgen, der griechische Wein ist noch nicht leer, immer mehr schicke Damen und Herren schieben sich in endlosem Zug vorbei. Stolze Väter, die ihre Babys vor sich hertragen, junge und junggebliebene Mädchen und Männer auf Brautschau, man betrachtet und läßt sich betrachten. Ein französischer Langzeitsegler macht vor SY LIZ fest, eine Familie mit 2 Kindern, 10 und 15 Jahre, schon 7 Jahre unterwegs, wie ich tags darauf erfahre. Sie planen, nächstes Jahr an der EMYR-Regatta rund ums Rote Meer teilzunehmen.

 

16.09.2007 Das sonntägliche Brindisi lädt zum Spaziergang ein: Flohmarkt, Park und Palmen, schöne Architektur, eine spannende Regatta am Stadtkai- Kutter rudern um die Wette, die Kinder bestaunen den großen Pokal, den am Abend die Sieger der Regatta „Basso Brindisi“ mit nach Hause nehmen dürfen.

 

Die Kinder malen und toben am Kai, Manuela und Natalie unterhalten sich bei Capuccino auf der Bank unter der Palme, Baldi und Jürgen ratschen im Cockpit der SY LIZ. Schönes Brindisi!

 

Das Abendprogramm des Vortages wird noch einmal wiederholt, bis es dann am nächsten Morgen heißt- arreviderci, Brindisi!

 

Termoli, Porta di Penna

17.09.2007, ein wunderbarer Segeltag, eine problemlose Nachtfahrt. Am nächsten Tag gegen Mittag, zwischen Isola Tremiti und Isola Pianosa, setzt plötzlich starker Wind ein, Squalls ziehen auf, es geht mit Windstärken über 8 und Schauerböen richtig zur Sache.

Wir drehen ab und bolzen gegenan nach Termoli, mitten durch eine graue Wolkenwand, Gewitter und Sturm.

 

Ein Motorboot der Guardia Costeria begleitet uns ein Stück. Kurz nach Sonnenuntergang schlüpfen wir in eine Box im sicheren Hafen mit über-teuerten Preisen ohne besonderen Service, aber- was soll’s. Bei diesem Sturm ist uns das keine Rede wert. Zwei Tage heult der Nordwind über unsere Köpfe und Mastspitzen, wir erkunden das ansprechende Termoli bei strahlendem Sonnenschein.

 

 

21.09.2007, wir wollen nach Lignano, der Wind und die Wellen lassen uns aber nicht. Genau aus dieser Richtung bläst es, die Wellen sind mindestens einen Meter höher als vorhergesagt, die meteorologische Vorhersage, sowohl vom Deutschen Wetterdienst, als auch auf UKW 68, stimmt an diesen Tagen einfach nicht, wieder mal. Leichte SW Winde um 2 entpuppen sich als NE um die 6 Bft., Wellen um die 0,5m als 1,5 bis 2 m Brecher. Wir kratzen die Kurve bei Porta di Penna, einem Hafen, in dem es nichts gibt außer Pfannkuchen zum Abendessen und Diesel für Danilo am nächsten Morgen.

 

Lignano liegt an, finalmente

22.09. – 24.09.2007

Eine schöne, abschließende Segelfahrt läßt uns die Schinderei der letzten Tage vergessen. Zwar gibt es nur wenig bis gar keinen Wind, der Wetterbericht wieder den Tatsachen diametral entgegengesetzt, aber egal.

 

Der beste Sonnenaufgang der ganzen Reise findet an unserem letzten Übersegeltag von Porta di Penna nach Lignano/ Aprilia Marittima statt.

 

Mittags sind wir auch schon in der Marina angekommen, bleiben bei der Platzsuche wegen Ebbe ein paar mal im Sand stecken, das juckt uns allerdings kein bisschen- wir haben es geschafft!

 

Vom 25.09. – zum 01.10. heißt es Schiff aufräumen, putzen, packen, Pool ausprobieren, faulenzen, Flug buchen. Unsere phantastische Fahrt von der Lahr bis nach Lignano feiern wir zwei Tage lang in Venedig.

 

 

Am 03.10. betreten unsere Kinder das erste Mal in ihrem jungen Leben ein Flugzeug und bestaunen die Alpen, die Wolken, die Welt von oben.

 

                                                                                                                                                                                       

                                                                                 ...wir danken allen Freunden, Verwandten,

                                                                                           Bekannten und Beteiligten,

ohne die diese Reise nie stattgefunden

 hätte, oder ohne die sie nie

so geworden wäre, wie sie war.

 

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